“Ich bin ein Riese in der Wiese!” − Erhalt alter Mostbirnen im Enzkreis

Der Landschaftserhaltungsverband Enzkreis hat neben der Umsetzung der Maßnahmenpläne in elf FFH-Gebieten einen Arbeitsschwerpunkt im Erhalt der ökologisch wertvollen Streuobstwiesen. Auf der Basis  einer kreisweiten Streuobstkonzeption werden vom LEV bereits Projekte umgesetzt.

Herr Owczarek (Sparkasse Pforzheim Calw), Landrat Röckinger, Minister Untersteller und Elisa Bienzle (LEV Enzkreis)

„Die Riesen in den Wiesen“ ist ein Projekt zur Erhaltung der alten Mostbirnen. Im Rahmen einer Kartierung wurden über 4.500 große Birnen und einige Kirschen und Speierlinge erfasst. Die mächtigsten Bäume werden nun sichergestellt und falls notwendig durch Spezialisten gepflegt um deren Lebenserwartung zu erhöhen. Das Projekt wurde im Mai von Herrn Minister Franz Untersteller und Herrn Landrat Karl Röckinger offiziell eingeweiht.

Mostbirnen sind die beeindruckendsten Obstbäume unserer Landschaft. Mit mehr als 20 Metern Höhe überragen sie auch große Kirschen oder Walnussbäume. Von allen Obstbäumen erreichen sie mit über 200 Jahren das höchste Alter. Alte Birnen, sind mit ihrer tiefrissigen Rinde, viel Totholz und Baumhöhlen ein einzigartiger Lebensraum für zahlreiche Tierarten. Im Frühling bieten sie mit zigtausenden weißen Blüten nicht nur ein optisches Erlebnis, sondern auch Pollen für Bienen und andere Insekten.

Leider ist der ursprüngliche Zweck der großen Birnbäume weitestgehend verloren gegangen – die Produktion von hochwertigem Rohstoff. Die Mostbirnen waren noch bis vor wenigen Jahrzehnten für die Herstellung von Most, Schnaps, Saft und Dörrobst wichtig. Auch ihre Bedeutung als „Vesperbäume“ haben diese Veteranen unter den Obstbäumen verloren. Als die Landwirte noch von morgens bis abends mit ihren Ochsen- oder Pferdegespannen auf dem Acker arbeiteten, boten die großen Birnen am Rande der Äcker in den Pausen Schatten für Mensch und Tier.

Während die eigentlichen Funktionen der großen Mostbirnen nicht mehr gefragt sind, stehen heute nicht weniger wichtige und wertvolle Aspekte für den Erhalt dieser Bäume im Vordergrund.

In vielen Bereichen des Enzkreises gehören Streuobstwiesen zum abwechslungsreichen Landschaftsbild. Mehrere hunderttausend Obstbäume sind hier in mehr oder weniger großen Beständen zu finden. Als Baumreihen entlang von Feldwegen und Straßen oder auch als einzeln stehende Bäume, prägen sie in ganz besonderer Weise die offene Landschaft. Die großen alten Mostbirnen sind herausragende Landschaftselemente.

Die großen Mostbirnen erzählen die Geschichten aus früheren Zeiten, als die Menschen sie noch nutzten und pflegten. Sie sind Zeugen einer Landwirtschaft die noch weitgehend der Selbstversorgung und Regionalwirtschaft diente, die noch auf Ochsen und Pferde als Zugtiere vor Pflug und Wagen setzte, die durch ihr Wirtschaften eine strukturreiche und ökologisch vielfältige Landschaft als Nebenprodukt gestaltete und erhielt. Damals standen in fast jedem Keller die Fässer mit eigenem Most für den Alltag und eine reiche Obsternte wurde in Form von Schnaps gelagert.

In den Streuobstwiesen des Enzkreises sind zahlreiche seltene Tierarten zu finden, die nur hier ihren Lebensraum haben. Große Birnen spielen als Biotop für diese Arten eine herausragende Rolle. Besonders das Angebot an geeigneten Baumhöhlen ist hier hervorzuheben.

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Drei junge Steinkäuze

Der kleine Steinkauz nutzt diese Höhlen als Versteck und als Brutplatz. Auch der seltene Wendehals ist auf Baumhöhlen angewiesen, die er in alten Birnen finden kann. Zu den weiteren Höhlenbrütern unserer Streuobstwiesen zählen verschiedene Meisenarten, der Gartenrotschwanz, Grau- Trauer- und Halsbandschnäpper. Auch Grün- und Grauspecht, sowie Bunt- und Mittelspecht sind in unseren Streuobstwiesen zuhause. Diese zimmern jedoch ihre Bruthöhlen selbst. Als potentielle Nachmieter der Spechte stehen zahlreiche Fledermausarten, Siebenschläfer oder auch Hornissen Schlange.

Die großen alten Birnen sind bei uns überwiegend Mostbirnen. Namen wie Champagner Bratbirne, Wilde Eierbirne oder Schweizer Wasserbirne sind den Kennern geläufig. Aber auch „Brennbirnen“, wie die Fässlesbirn oder die Palmischbirne sind im Enzkreis als Grundstoff für aromatisches Hochprozentiges zu finden. Die Gelbe Wadelbirne oder die Nägelesbirne sind wiederrum gute „Dörrbirnen“. Weit über 50 Tonnen Birnen kann einer dieser Bäume im Laufe seines Lebens produzieren.

Leider werden zunehmend diese alten Birnen gefällt. In jedem Winter verschwinden markante Bäume aus unserer Landschaft. Der Grund für das Fällen der großen Bäume ist oft banal. Die Besitzer der Streuobstwiesen „brauchen sie einfach nicht mehr“ – und „das Fallobst stört“ – und sieht unordentlich aus.

Ein weiterer Grund ist auch die eingeschränkte Bewirtschaftung der Äcker durch die Landwirte. Die Schläge und die Maschinen werden immer größer. Gerade „Vesperbäume“ im Bereich des Vorgewendes der Äcker stören. Die Bäume sind zu nah am Acker. Sie passen nicht mehr ins Nutzungsregime der Stücklesbesitzer und der Landwirte. Damit gehen nicht nur maßgebliche Elemente aus den Landschaften des Enzkreises verloren, sondern auch der Lebensraum für zahlreiche Tierarten.

Mit dem zunehmenden Verschwinden der großen Birnen löst sich auch ein Landschaftsbild auf, das bis heute noch den Enzkreis prägt. Die großen Birnen stehen für die wertvollen Kulturlandschaften und vielfältigen und strukturreichen Lebensräume. Diese sollen auch für die Bevölkerung im Enzkreises, als Teil eines positiven Lebensgefühls, erhalten bleiben.

Baumkrankheiten wie Birnengitterrost und der Birnenverfall beeinträchtigen die Gesundheit der Mostbirnbäume. Verschärft wird diese Bedrohung durch das meist hohe Baumalter, der damit verbundenen geringen Widerstandskraft, sowie den Witterungsextremen, insbesondere den zunehmenden Trockenphasen im Frühjahr. Diese Einflüsse vermindern die Vitalität der Bäume und erhöhen gleichzeitig die Anfälligkeit für Frostschäden und Krankheiten. Die Mostbirnbäume reagieren auf diese Einflüsse mit vermehrter Bildung von Spitzendürre, Totholz und absterbenden Kronenteilen. Im Extremfall können Bäume innerhalb kurzer Zeit sogar völlig absterben.P1320730

Durch eine fachgerechte Baumpflege sollen die Mostbirnbäume wieder revitalisiert werden. Ein leichter Auslichtungsschnitt soll die Bäume zu einem moderaten Neutrieb anregen. Dies führt zu mehr und jüngerer Blattmasse was direkt die Vitalität der Bäume stärkt. Bei den Pflegeeingriffen werden zudem bruchgefährdete Äste entlastet, die Baumstatik verbessert und dadurch die Wiesenbewirtschaftung unter den Bäumen erleichtert. Bei der an Naturschutzaspekten orientierten Baumpflege verbleibt Totholz als Lebensraum für Käfer und anderen Insekten im Baum. Diese Arbeiten sind fachlich sehr anspruchsvoll und werden von speziell geschulten Fachleuten, den LOGL-geprüften Obstbaumpflegern aus dem Enzkreis, erledigt.

Gemeinsam mit den flächendeckend im Enzkreis vorhandenen Obst- und Gartenbauvereinen und den ausgebildeten Obstbaumpflegern werden nun markante und ökologisch wertvolle Birnen nachhaltig gesichert und gepflegt. Pro Baum muss mit einem Aufwand von ca. 400.-€ gerechnet werden. Je nachdem, welche Baumschnitttechnik zum Einsatz kommt. Für das Projekt ist ein Kostenrahmen von zunächst 30.000 € angedacht. Dankenswerterweise hat die Sparkasse Pforzheim Calw diese Anschubfinanzierung übernommen.

Die Projektlaufzeit über zwei Jahre erhöht die Konzentration der Pflegemaßnahmen auf einige Gemeinden und erhält die öffentliche Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum. Die Gemeinden sollen durch das Projekt für das Thema sensibilisiert und besonders auch zu eigenem Engagement motiviert werden. Dadurch kann auch nach dem Auslaufen der Projektförderung ein nachhaltiger Schutz für die landschaftsprägenden Bäume erreicht werden.P1320705_b

Die Projektbäume sollen über das gesamte Kreisgebiet verteilt sein. Die Identifizierung und Sicherung der Bäume erfolgt in Zusammenarbeit mit den OGVs und dem LEV. Die Pflegemaßnahmen werden von den Obstbaumpflegern durchgeführt. Die Bäume werden mit einer Plakette markiert und über einen Pachtvertrag gesichert. Gemeinden, Landwirte vor Ort, der Bauernverband und das Landwirtschaftsamt sind in das Projekt eingebunden. Auch Werbung für die „Inwertsetzung“ der alten Birnen durch Nutzung der Früchte für Most, Schnaps oder auch zum Dörren soll im Rahmen des Projektes in den Vordergrund gerückt werden. Schulklassen können eine Patenschaft für eine alte Birne übernehmen und Gemeinden können Grundstücke mit alten Birnen erwerben und damit sichern.

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