Ackerwildkräuter

 
Herkunft und Eigenschaften

Die Agrarlandschaften haben sich in den letzten Jahren erheblich verändert. Das wirkt sich vor allem auch auf das Vorkommen von Ackerwildkräutern (Segetalflora), eine der am stärksten gefährdeten Artengruppen in Europa, aus.

Ursprünge des Ackerbaus im östlichen Mittelmeerraum

Ihren Ursprung haben Ackerwildkräuter  in Kleinasien und dem östlichen Mittelmeerraum. Vor rund 10.000 Jahren begannen die Menschen dort mit der Kultivierung von Getreide. Als sich dann der Ackerbau schrittweise in die nördlicheren Breitengrade ausbreitete, wurde neben den Kulturarten auch deren Begleitflora und-fauna unbeabsichtigt exportiert – die Begleitflora ist heute bekannt als Ackerwildkraut. Dabei handelt es sich um wärmeliebende Arten, welche sich in Mitteleuropa vorrangig auf kalkhaltigen Böden niederlassen. Sie haben sich auf die mindestens einmal jährlich erfolgende schonende Bodenbearbeitung spezialisiert und werden außerhalb von ackerbaulich genutzten Flächen von konkurrenzstärkeren Pflanzen sofort verdrängt. Ackerwildkräuter werden den sogenannten ,,Therophyten” zugeordnet, produzieren also große Mengen an kleinen und leichten Samen, die, vom Wind getragen, einen recht großen Verbreitungsradius besitzen und mehrere Jahre im Boden verweilen können. Sie blühen und fruchten nur einmal in einer zusammenhängenden bzw. in zwei, durch eine Kältezeit getrennte acht- bis zehnwöchige Vegetationsperiode, bevor Sie absterben.

Ackerwildkräuter sind an eine extensive Bewirtschaftungsweise angepasst, die sich durch die geringe bis keine Verwendung von Düngemitteln, lückigen Bewuchs und das periodische Brachliegen von Flächen auszeichnet. Insbesondere die Intensivierung der Landwirtschaft ist mit einer stark erhöhten Verwendung von Herbiziden und Düngern, einer verbesserten Saatgutreinigung und der Aufgabe von Grenzstandorten eine Gefahr für die Ackerwildkräuter. Auch die zeitlich eng aufeinanderfolgenden Bewirtschaftungsperioden und die Zerstörung kleinflächiger Sonderstandorte (Säume, Feldraine, Wegränder) sowie die dichte Ausbringung des Kulturpflanzensaatguts schaden der Segetalflora.


Daten und Fakten zur Gefährdung
Das im Enzkreis stark gefährdete Rebhuhn (Perdix perdix).

Der dramatische Rückgang von Ackerwildkräutern zieht schwerwiegende Folgen mit sich, da diese als wichtige Bausteine im Ökosystem Grundlagen für bestimmte Tiere bilden. So bietet jede Ackerkrautpflanze im Schnitt 12 Tierarten Nahrung. Diese Abhängigkeit setzt sich in Form eines komplexen Nahrungsnetztes fort, das durch das Verschwinden der Segetalflora zu kollabieren droht. Seit 1950 hat sich deren Bestand um 90 % reduziert. Etwa ein Drittel der rund 300 noch in Deutschland vorkommenden Ackerwildkrautarten stehen auf der Roten Liste. Expertenschätzungen zufolge sind rund 90% der im Ökosystem ,,Acker” lebenden 1200 Tierarten analog zum Ackerwildkrautsterben ausgestorben oder erheblich dezimiert zum Beispiel Rebhuhn, Wachtelkönig und Feldhamster. Das größte Gefahrenpotential stellen dabei tierische Schädlinge dar, welche vom zahlenmäßigen Rückgang ihrer natürlichen Fressfeinde (Nützlinge), die auf Ackerwildkräuter angewiesen sind, profitieren. Darüber hinaus sind etliche Ackerwildkräuter, wie beispielsweise die Echte Kamille, probate Heilpflanzen und stellen nicht zuletzt als Urform vieler Kulturpflanzen ein unbedingt zu erhaltendes genetisches Reservoir dar. Des Weiteren sind sie kulturelles Welterbe und bereichern mit ihrem Blütenreichtum die Landschaft und somit deren Erholungswert.


Schutzmaßnahmen auf Bundesebende

Bundesweit werden zur Förderung und Erhalt der Bestände vor allem auf die Ackerrandstreifen-Programme gesetzt, welche umweltbewusste Landwirte gegen staatliche Förderung dazu verpflichten, Ackerränder mit einer festgelegten Mindestbreite extensiv zu bewirtschaften. Zudem existieren Ackerwildkrautreservate, von denen etliche auf Grenzstandorten angelegt sind.

Ein Acker ohne Randstreifen weist eine geringere Artenvielfalt auf. Nützlinge, die sich teilweise von Ackerwildkräutern ernähren und die natürlichen Feinde von Schädlingen sind, finden keinen geeigneten Lebensraum vor. Ein Acker mit Ackerrand bietet im Randstreifen Lebensraum für Ackerwildkräuter und verschiedene Tierarten. Der Verzicht auf Dünge- und Pflanzenschutzmittel fördert die Biodiversität, wodurch das natürliche gleichgewicht zwischen Nütz- und Schädlingen sich erneuern kann.

Erfahrungen aus den letzten Jahren und Jahrzehnten zeigen jedoch, dass der ökologische Nutzen von Ackerrandstreifen sehr überschaubar ist und der Erhalt von Ackerwildkräutern dadurch nicht langfristig gesichert werden kann.

Und was unternimmt der Enzkreis?

Kartierungen bilden die Grundlage der Projekte

Im Enzkreis gibt es seit 2004 ein Projekt, das die Ackerwildkräuter als einzigartige Artengruppe schützen und fördern soll. Es wurden im gesamten Enzkreis Kartierungen vorgenommen, die den Ist-Zustand beschreiben. Dabei stellte sich heraus, dass der Enzkreis noch teilweise herausragende Bestände an Ackerwildkräutern besitzt, was hier eine besondere Verantwortung für diese Artengruppe mit sich bringt. Mit Hilfe von Samen aus diesen Standorten (autochthones Saatgut) wurden Reservate im ganzen Landkreis geschaffen. Heute gibt es bereits 15 Reservate von Ackerwildkräutern, auf manchen Flächen findet man bis zu 40 verschiedene bedrohte Arten. Gemeinsam mit den Landwirten wird eine ackerwildkrautfreundliche Bewirtschaftung gefördert und umgesetzt, die sich beispielsweise im Umbruch von Äckern frühestens acht Wochen nach der Sommerernte widerspiegelt. Im Rahmen dieses Projektes sollen Ackerwildkräuter aus der Region gezielt vermehrt und flächendeckend verbreitet werden. Im Jahr 2021 soll großflächig einheimisches (autochtones) Saatgut von allen vorhandenen Ackerwildkräutern gesammelt werden welches dann als Grundlage für eine lebende Samenbank dienen soll. In Abstimmung mit den Landwirten sollen die Ackerwildkräuter dann weiträumig in Ackerflächen vermehrt werden um so die Natur und biologische Vielfalt unserer Region zu stärken und zu erhalten.

Ackerwilkrautfreundlicher Acker

Ackerwildkrautarten im Enzkreis

Untenstehend einige der im Enzkreis vorkommenden Ackerwildkräuter. Einige dieser Arten sind ebenfalls Gegenstand des auf §39 LNatSchG basierenden sogenannten ,,Artenschutzprogramms” (ASP).

Kategorien und Abkürzungen der Roten Liste

0 Ausgestorben oder verschollen
1 Vom Aussterben bedroht
2 Stark gefährdet
3 Gefährdet
R Extrem selten
V Vorwarnliste
* Ungefährdet

Print Friendly, PDF & Email

Kommentare sind geschlossen.