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Landschaftspflegetag Baden-Württemberg 2018 – “Naturschutz braucht Biss!”

“Naturschutz braucht Biss“ – so war die Einleitung von Prof. Dr. Peter Poschlod der Universität Regensburg von der Fakultät für Biologie und Vorklinische Medizin am Lehrstuhl für Ökologie und Naturschutz auf dem diesjährigen Landschaftspflegetag Baden-Württemberg am 18.10.2018 im Lokschuppen in Heidenheim an der Brenz.
Herr Prof. Dr. Poschlod forscht seit vielen Jahren am Zusammenhang der Entwicklung unserer Kulturlandschaft und der Biologischen Vielfalt.

Der Schwerpunkt der Tagung der Akademie für Ländlichen Raum Baden-Württemberg in Schwäbisch Gmünd und des Landschaftserhaltungsverbands Heidenheim e.V. lag dieses Jahr auf den sogenannten Kalk-Magerrasen und Wacholderheiden mit dem Titel „Schäferei und Artenvielfalt“. Diese beiden Lebensräume wurden von Schafen und anderen Weidetieren geschaffen und sind von der EU geschützt. Für viele Tier- und Pflanzenarten wie z.B. Bläulinge, Widderchen, gefährdete Heuschrecken- und Käferarten, Katzenpfötchen, seltene Orchideen, Küchenschelle und Kreuz-Enzian sind sie ein bedrohtes Paradies – und eines der artenreichsten und ältesten Ökosysteme Europas zugleich!

80% der Kalk-Magerrasen und Wacholderheiden in Baden-Württemberg sind seit Anfang des letzten Jahrhunderts verbuscht, überbaut oder zu Wald geworden. Bereits wenige Jahre ohne Nutzung genügen, dass die Flächen verbuschen, nach und nach zu Wald werden und mit der Verwaldung gehen die bedrohten Tier- und Pflanzenarten dieser Lebensräume für immer verloren. EU-weit trägt besonders Baden-Württemberg die Verantwortung für diese hochsensiblen Ökosysteme, da im ehemaligen Schafland Nr. 1 traditionell die Kalk-Magerrasen und Wacholderheiden beheimatet sind und hier anteilmäßig besonders häufig sind.
Das sah auch Schäferin Karin Wiedenmann-Riek von der Schäferei Wiedenmann GbR aus Nattheim so, die die Tagungsteilnehmer fast zu Tränen rührte, als sie tief aus dem Herzen ihre Verbundenheit zur Schäferei, Naturschutz und Kulturgeschichte vortrug. Außerdem verheimlichte sie nicht die prekäre Lage der Schäfer im 21. Jahrhundert und appellierte deutlich an die Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Verwaltung die Fördermöglichkeiten so zu gestalten, dass unsere derzeit noch 15 Wanderschäfereien und 110 hauptberuflichen Schafhalter in Baden-Württemberg ihre Betriebe erhalten können. In den hochsensiblen Naturschutzgebieten dürfen die Schafe in der Regel nicht über Nacht weiden, um den Stickstoffeintrag auf die Flächen zu verringern, der die Artenvielfalt schwächt. Die Schäfer müssen ihre Schafe fürs Nachtlager außerhalb des Schutzgebiets bringen, doch durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung überall angrenzend, sind keine sogenannten Pferchflächen zu pachten und die Schäfer stehen den Ackerbaubetrieben wie David Goliath gegenüber. Ausweichmöglichkeiten in angrenzende Waldgebiete sind rechtlich nicht erlaubt, sind aber oft die einzige Alternative.

Früher zogen die Schäfer von den Sommerflächen auf der Höhe nach der Ernte und Mahd über Äcker und Wiesen auf die klimatisch günstiger gelegenen Winterweiden im Tal. Seit 2017 die neue Düngemittelverordung in Kraft trat, gilt ein Ausbringungsverbot von 1.November bis 31.Januar von Gülle, Mist, Jauche, aber auch Gärrückständen und Klärschlämme auf Grünland. Dies hat zur Folge, dass die Gülle- und Jauchegruben sowie Biogasanlagen der Betriebe intensiv gelehrt werden, um Platz zu schaffen während der Sperrfrist. Die Schafe können aber auf den überdüngten Wiesen nicht weiden, weil sie nichts zu Fressen finden und gesundheitliche Folgen drohen. Bei den Äckern ist es sogar so, dass diese zwischen der Ernte der Hauptfrucht, was ja teilweise schon im Juli ist, und dem 31. Januar nicht gedüngt werden dürfen. Damit die Landwirte nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen, bringen sie ihren Wirtschaftsdünger direkt nach der Ernte aus und es bleiben keine Stoppeläcker stehen, die seit Jahrhunderten von Schafen auf dem Zug zur Winterweide genutzt wurden und sich sehr gut als Pferchäcker eignen.

Frau Wiedenmann-Riek und Frau Smietana vom Schafhof Smietana aus Steinheim am Albuch merken an, auf wie wenig Verständnis sie seitens der Bevölkerung stoßen, wenn sie doch mal mit ihren Schafen eine Straße überqueren, wo früher alte Routen lagen oder im Zuge eines Flurneuordnungsverfahrens alte Wege erloschen sind. „Wer Erholungs- und Kulturlandschaft will, der muss auch Dreck auf der Straße und seinen Hund an der Leine ertragen!“ so Frau Wiedenmann-Riek. Freilaufende Hunde in Naturschutzgebieten sind große Störfaktoren der Herden, obwohl überall Leinenpflicht herrscht. Aber auch unachtsame Radfahrer oder sonstige Freizeitsportarten in den einst abgelegenen Flächen, bedrohen die Schäfer und die Natur. Die Schäferinnen verweisen beide auf das Schäferrevierkonzept des Deutschen Verband für Landschaftspflege e.V. (DVL) und wünschen sich eine solche Konzeption auch in Baden-Württemberg.

Das Kilo Merionlandschaf-Wolle, die häufigste Schafrasse in Baden-Württemberg, liegt derzeit bei 0,50 ct bis 1 €. 95% unserer deutschen Textilhersteller, die Wolle verarbeiten, importieren die Wolle aus dem Ausland: der Selbstversorgungsgrad der Bundesrepublik bei Wolle liegt bei 5%. Aber auch beim Fleisch hat der deutsche Markt noch viel Luft nach oben: so liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Lammfleisch in der Bundesrepublik bei 1 kg im Vergleich zu 38,1 kg Pro-Kopf-Verbrauch Schweinefleisch je Bundesbürger. Ein großes Problem stellt auch das Verkaufsangebot dar, denn nur knapp 50% des in Deutschland konsumierten Lammfleischs kommt aus Deutschland. Das im Supermarkt angebotene Lammfleisch stammt meistens aus Neuseeland oder Australien. Deshalb ist eine Vermarktung über Erzeugergemeinschaften oder als Direktvermarktung vom Schafhalter an Endverbraucher immens wichtig. Lammfleisch unserer Schäfer, die ihre Tiere auf den heimischen Kalk-Magerrasen und Wacholderheiden weiden, wird häufig unter der Marke „Württemberger Lamm“ verkauft und z.B. in der gehobenen Gastronomie oder gelegentlich bei Edeka in der Fleischtheke angeboten.
„Wer Kulturlandschaft, biologische Vielfalt und einen der ältesten Berufe erhalten will und wem Natur- und Artenschutz am Herzen liegt, soll Lammfleisch essen“, sagt Herr Prof. Dr. Poschlod in ungewohnt ernstem Ton. Frau Wiedenmann-Riek nickt, Frau Smietana auch.

Wir dürfen bei einer tollen Exkursion noch Wacholderheiden, Waldweiden und eine Bienenweide unter Führung der beiden Mitarbeiterinnen Karin Wüllner und Vanessa Liebrich-Krismann des Landschaftserhaltungsverbands Heidenheim e.V. anschauen, viel über seltene Tier- und Pflanzenarten von den Experten lernen, einen Schäfer bei der Arbeit vor Ort besuchen und ein reichhaltiges Buffet mit Lammfleisch-Spezialitäten vom Schafhof Smietana genießen. Gestärkt im Geist und Magen und mit vielen Anregungen die letzten verbliebenden Kalk-Magerrasen und Wacholderheiden im Enzkreis gemeinsam mit unseren Schäfern und Ziegenhaltern zu erhalten, geht es zurück mit dem Zug von der Alb Richtung Heimat.